Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

 
 
 
 
 
 
 
 

Stellungnahme: Fehlbildungen der Hand in Sachsen-Anhalt

16.09.2019 -

Keine erhöhte Anzahl an Handfehlbildungen in Sachsen-Anhalt

HandfehlbildungDaten/Grafiken aktualisiert 24.09.2019

Kommen Kinder mit Fehlbildungen zur Welt oder führen diese sogar zu einer vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft, ist das ein großer Schicksalsschlag. Jeder Einzelfall ist tragisch und stellt Familien und Angehörige vor ganz spezielle Herausforderungen. Aktuelle Medienberichte, wonach in Nordrhein-Westfahlen vermeintlich vermehrt Handfehlbildungen aufgetreten sind, verunsichern zunehmend die Bevölkerung in Deutschland. Die aktuellen Zahlen der Fehlbildungsstatistik aus Sachsen-Anhalt können beruhigen.

Das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt erfasst und analysiert angeborene Fehlbildungen und Anomalien bei Neugeborenen im Bundesland Sachsen-Anhalt in multidisziplinärer Zusammenarbeit mit den Geburts- und Kinderkliniken und den Einrichtungen der prä- und postnatalen Diagnostik. Das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt finanziert das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt seit 1995. Die Institution agiert eigenständig und ist der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg angegliedert.
Mit den erhobenen Daten vertritt das Fehlbildungsmonitoring die Bundesrepublik Deutschland im WHO-verbundenen weltweiten Netzwerk International Clearinghouse of Birth Defects Surveillance and Research (ICBDSR, www.icbdsr.org) und im europäischen Netzwerk für populationsbezogene Fehlbildungserfassung EUROCAT (European Surveillance of Congenital Anomalies, https://eu-rd-platform.jrc.ec.europa.eu/eurocat).
Als Teil der Gesundheitsberichterstattung des Landes Sachsen-Anhalt werden für den jeweiligen Jahresbericht die erhobenen Daten analysiert und zur Häufigkeit sowie zeitlichen und örtlichen Verteilung der aufgetretenen Fehlbildungen Stellung genommen. Somit sind die Ergebnisse zeitnah und jahresaktuell für das medizinische Fachpersonal und Interessierte zugänglich (www.angeborene-fehlbildungen.com).
Derzeit erfolgt die epidemiologische Analyse der Daten von 17.617 Schwangerschaften für den Geburtsjahrgang 2018 für das Bundesland Sachsen-Anhalt. Von angeborenen Fehlbildungen waren im Jahr 2018 rund 4% aller Geborenen betroffen.

Ausgangspunkt für die hier erfolgende Vorabveröffentlichung der Daten zu Reduktionsfehlbildungen der Extremitäten (Fehlbildungen von Hand, Arm, Bein und/oder Fuß) ist das große mediale Interesse am Thema Geburten von Babys mit Handdeformitäten.
Angeborenen Fehlbildungen generell, und auch konkret Fehlbildungen der Hand, Arme, Füße und/oder Beine, treten immer wieder mit schwankender Häufigkeit auf (siehe Grafik).

ExtremitätenFB_2000-2018
Abbildung:
Darstellung der Häufigkeit (Prävalenz pro Jahr) und der durchschnittlichen Häufigkeit (ØPrävalenz 2000-2018) der Reduktionsfehlbildungen von oberer und/oder unterer Extremität im Zeitraum 2000-2018 in Sachsen-Anhalt (alle Geborenen* und Lebendgeborene)

2018 wurde eine Reduktionsfehlbildung der Extremitäten in Sachsen-Anhalt bei einem Kind/Fet pro 1.602 Geburten beobachtet. Im Vergleich zum Bezugszeitraum ab 2000 zeigt sich ein rückläufiger Trend in der Region. Die Grafik zeigt die natürlichen Schwankungen der Häufigkeiten in den einzelnen Jahren und den sich daraus ergebendem Durchschnittswert. Die Auswertung der aktuellen Daten gibt keinen Anlass für eine örtliche oder zeitlich auffällige ungewöhnliche Häufung der Extremitätenfehlbildungen in Sachsen-Anhalt.

Extremitäten_obere_2000-2018
Abbildung:
Darstellung der Häufigkeit (Prävalenz pro Jahr) und der durchschnittlichen Häufigkeit (ØPrävalenz 2000-2018) der Reduktionsfehlbildungen der oberen Extremität im Zeitraum 2000-2018 in Sachsen-Anhalt (alle Geborenen* und Lebendgeborene)

Unsere Erfahrungen mit der kontinuierlichen Fehlbildungserfassung (seit 39 Jahren in Sachsen-Anhalt) unterstreicht die Bedeutung eines solchen Registers. Erst somit sind Aussagen zu aktuell auftretenden Phänomen der scheinbaren Häufung und deren Einordnung im zeitlichen Trend möglich.
Mit Hilfe mathematischer Modelle lassen sich Häufungen auf Grundlage von Basisdaten berechnen. Für weitere Analysen ist eine fachkompetente Evaluierung der Einzelfälle nötig. Ursachen für angeborene Fehlbildungen sind multifaktoriell. Es sind nicht nur Gendefekte, Infektionen, Arzneimittel, chemische Noxen, mechanische Einwirkungen und/oder entwicklungsphysiologische Defizite als Ursache möglich. In 50% der Fälle bleibt der Auslöser unbekannt.

Häufungen von Fehlbildungen in Sachsen-Anhalt konnten im Zusammenhang mit der verbesserten Pränataldiagnostik (z.B. bei Herzfehlbildungen) und dem gestiegenen Mutteralter (z.B. Chromosomenaberrationen) in den Vorjahren festgestellt werden. Es handelt sich dabei um nicht direkt beeinflussbare Risikofaktoren.
Generell gilt es jedoch bekannte Risikofaktoren zu minimieren. So sollte z.B. auf Alkohol, Drogen und/oder Nikotin in der Schwangerschaft verzichtet werden. Auch die rechtzeitige (bereits ab Kinderwunsch) Einnahme von Folsäure stellt eine Präventionsmaßnahme dar.

Regionsspezifische Risikofaktoren, durchschnittliches Mutteralter und sozioökonomische Besonderheiten führen dazu, dass die Daten nicht vorbehaltlos auf andere Bundesländer übertragbar sind. Eine bundesweite Fehlbildungserfassung gibt es allerdings derzeit nicht und somit keine Meldepflicht für Fehlbildungen.
Für eine Zusammenarbeit im Rahmen einer bundesweiten Arbeitsgruppe würden wir unsere Erfahrungen zur bevölkerungsbezogenen Fehlbildungserfassung jederzeit zur Verfügung stellen.


weitere Veröffentlichungen zum Thema:

 

Letzte Änderung: 24.09.2019 - Ansprechpartner: Webmaster
 
 
 
 
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